.... was sich überhaupt sagen läßt,
läßt sich klar sagen.
Wittgenstein (1889 - 1951)
Systemanalytisch begleitete Produktentwicklung
Risikobetrachtungen als Bestandteil der
Produkt-, System- und Prozessentwicklung
Alfred Mörx
Einleitung
In nahezu allen Produktbereichen nehmen die Kundenanforderungen hinsichtlich
Kosten/Nutzen Verhältnis zu. Gleichzeitig steigen die Erwartungen der
Unternehmensinhaber bzw. Anteilseigner nach Vergrößerung oder Konsolidierung
des Unternehmensertrags.
Diese Trends vergrößern die Anforderungen an alle Menschen, die im
Unternehmen mit Entwicklungsaktivitäten (im weitesten Sinn) beschäftigt und
für die jeweiligen Prozesse verantwortlich sind.
Systematisches Vorgehen bei der Analyse bestehender oder künftiger Produkte,
Prozesse oder Dienstleistungen ist kein Ersatz für Kreativität,
Projektmanagement, unternehmerisches Handeln oder strategisches Entscheiden. Es
kann jedoch all dieses wirksam unterstützen und helfen, das damit verbundene
Risiko einzuschätzen und Maßnahmen zur Gefahrenabwehr zu ergreifen.
System- und Risikoanalyse als Dienstleistung
System- und Risikoanalyse, Systembewertung und Gutachtenerstellung als
Dienstleistung ist in Europa ein noch relativ junges Arbeitsfeld. Insbesondere
in der speziellen Ausprägung, diese Analyseverfahren mit intensiver
Gruppenarbeit zu verbinden, ist sie derzeit praktisch nicht eingeführt. Dies
obwohl z.B. die analytische Beschäftigung mit Projekten und Prozessen seit dem
Jahr 2000 in die (weltweit gültigen) Qualitätsnormen aufgenommen wurde.
Dieser Fachbericht gibt die Inhalte eines Einführungsgesprächs des Autors
(A) mit einem seiner Klienten (K) aus der mittelständischen Wirtschaft wieder.
K: Alfred, Du hast Dich im technischen Teil deines beruflichen Lebens auf
System- und Risikoanalyse spezialisiert. Wozu brauche ich das eigentlich?
A: Für nahezu alle Produkte bestehen europa- und weltweit gültige,
gesetzlich verbindliche Sicherheitsanforderungen, technische Mindeststandards,
die vom Hersteller oder vom Importeur einzuhalten sind.
Die Beurteilung des Risikos, das mit einem Produkt oder von einem Prozess
ausgeht, sowie das Veranlassen von Maßnahmen zur Gefahrenabwehr, liegt in der
Verantwortung des Unternehmers. Ihn trifft nach den Bestimmungen des
Produkthaftungsrechts die (verschuldensunabhängige) Verpflichtung den Anwender
vor Produktrisiken zu warnen oder besondere Hinweise anzubringen.
Zuverlässigkeit und Nachhaltigkeit
Auch ist es für viele Komponentenhersteller und deren Kunden wichtig, die
Zuverlässigkeit von Systemteilen, die zu erwartende Lebensdauer unter
definierten Einsatzbedingungen zu kennen.
Nicht zuletzt folgen daraus Abschätzungen über einzuhaltende Service- und
Wartungsintervalle sowie des notwendigen Wartungsumfangs.
Manchmal ist es einfach auch nur interessant zu wissen, ob das Produkt den
vom Kunden erwarteten Anforderungen entsprechen wird, oder ob das Produkt
Eigenschaften hat, die die erwartenden Anforderungen übertreffen und dadurch
eine Verschwendung von Rohstoffen und Ressourcen eintritt. Hier kommen meist
auch Fragen der Nachhaltigkeit ins Spiel.
K: Und das ist System- und Risikoanalyse?
A: Ja! An solche Themen systematisch, gemeinsam mit den Fachleuten im
Unternehmen heranzugehen, diese Gebiete konzentriert und systematisch
durchzuarbeiten und ebenso systematisch Verbesserungen oder Veränderungen
vorzuschlagen und umzusetzen, das sind Aufgaben der Systemanalyse wie ich sie
sehe. Sie fördert, so ganz „nebenbei" die Kreativität von Entwicklern
und Designern und ist wertvolle Entscheidungshilfe für das Management:
Versuchsplanung zur Fehlereingrenzung
Die gezielte Planung von Experimenten zur Fehlereingrenzung und die
Auswertung von Versuchs- und Berechnungsergebnissen sind eine weitere Option, in
einigen Projekten Hauptansatzpunkt meiner Arbeit.
K: Was verstehst Du unter gezielter Versuchsplanung?
A: Fast jedes Unternehmen, jedes Entwicklungsinstitut versucht an Produkten,
meist schon an den Prototypen, Tests durchzuführen, um Rückschlüsse auf
notwendige Konstruktionsänderungen zu erhalten. Dies mit dem Ziel, die Markt-,
Produkt- und Prozessanforderungen zu erfüllen.
Dies ist meist ein sehr zeitintensiver Prozess, und führt – im Falle nicht
konsequent systematischer Vorgangsweise - zu einer Fülle von Ergebnissen und
Testresultaten, aus denen erst recht keine Schlüsse auf vorhandenen
Schwachstellen im Produkt oder Prozess gezogen werden können. Von den Kosten
eines solchen Unterfangens einmal ganz abgesehen.
Gezielte Versuchsplanung bedeutet, die Versuchsbedingungen, die Versuche
selbst und auch die Auswertung so anzulegen, dass aus den Ergebnissen konkrete
weiter Maßnahmen abgeleitet werden können. Um diesem Idealbild näher zu
kommen, ist neben dem Expertenwissen zum Produkt, seiner Anwendung oder der rein
technischen Möglichkeiten auch ein umfassendes Prozesswissen im Feld der
Risiko- und Zuverlässigkeitsanalyse notwendig. Dies wird z.B. in meinen
Projekten von mir eingebracht; die Versuchsauswertungen, in vielen Fällen gut
ausgewählte statistische Verfahren, werden von mir durchgeführt.
K: Hast Du da ein Beispiel für mich?
A: Wenn es interessant ist, eine elektronische Schaltung, die ihrerseits eine
komplexe Mechanik steuert auf die zu erwartende Lebensdauer zu analysieren und
dieses „Leben des Gesamtprodukts" im Labor zu simulieren, müssen die
Stressparameter für die Mechanik anders aussehen wie jene für die Elektronik.
Die mechanischen Teile halten z.B. mehrere Jahre einer Umgebungstemperatur
von 90 ° C stand, ohne dass ihre Funktion
beeinträchtigt wird. Die Elektronik hingegen reagiert sensibel (und viel
früher mit Ausfällen) auf hohe Temperaturen.
Legt man die Laborsimulation für das Gesamtsystem nun so aus, dass über den
Einfluss hoher Temperatur das Produkt „künstlich gealtert" werden soll,
müssen für Mechanik bzw. Elektronik unterschiedliche Stressparameter
festegelegt werden. In vielen Fällen ist das Festlegen der Stressparameter für
Alterungstests ein eigenes kleines Projekt, dessen Ergebnisse dem Unternehmen
dann für eine Vielzahl von ähnlich aufgebauten Produkten als wichtiges
Untersuchungswerkzeug zur Verfügung steht.
Lebensdauersimulation und Auswertung
Eine Umgebungstemperatur von 90 ° C für z.B. 200
Stunden ist für die Mechanik vielleicht überhaupt nicht „stressig" für
die Elektronik kann es einem Stress gleichkommen, der einer Lebensdauer von mehr
als 20 Jahren entspricht.
Und dies vielleicht bei einer geforderten Lebensdauer für das Gesamtgerät
von 5 (!) Jahren.
Die Stress-Tests sind in diesem Fall einfach unterschiedlich für die
Mechanik und die Elektronik anzulegen. Gemeinsames Testen und festzustellen,
dass die Elektronik nach 2 Stunden ausfällt, bringt in diesem Fall außer
Testkosten und Entwicklungszeitverlust keine auswertbaren Ergebnisse.
K: Was sind auswertbare Ergebnisse und wie kommst Du zur
Lebensdauerabschätzung?
A: Ausfälle von Baugruppen, Produkten aber auch Prozessausfälle bei z.B.
ansteigenden Stressbelastungen (Step-Stress-Tests) lassen sich in ein
mathematisches Modell einspeisen und daraus Rückschlüsse auf die zu
erwartenden Lebensdauer ziehen.
Liegen die zu erwartenden Lebensdauern unter den akzeptablen Werten, müssen
systematische Verbesserungen durchgeführt werden.
K: Und dann geht das Ganze von vorne los?
A: Es ist der große Vorteil der systemanalytisch begleiteten
Produktentwicklung, dass Auswirkungen von Systemeingriffen (z.B. zur
Verbesserung des Verhaltens eines Systemteils) rasch in ihren Wirkungen auf
andere Teile des Systems beurteilt werden können. Dies reduziert die Zahl der
nachfolgend notwendigen Wiederholungen von Testläufen deutlich.
Systemanalyse und Produktdokumentation
K: Du hast in einem Vortrag einmal erwähnt, es gäbe auch „Abfallprodukte"
der systemanalytisch begleiteten Produktentwicklung. Produkte, die sonst nur
unter großem Aufwand hergestellt werden müssen. Was meinst Du genau damit?
A: Viele in Europa und auch weltweit geltende gesetzliche Anforderungen
verlangen – für den Fall von Unfällen in die Produkte verwickelt sind –
eine umfangreiche Dokumentation des Produktaufbaues, der verwendeten Materialien
oder Werkstoffe, der durchgeführten Prüfungen samt Ergebnissen oder überhaupt
eine Risikoabschätzung oder Gefahrenanalyse.
Alle diese – im Schadensfall vom Hersteller innerhalb kurzer Zeit zu
erstellenden - Dokumentationen sind integrierter Bestandteil der systemanalytisch
begleiteten Produktentwicklung.
Noch dazu gibt es eine nahezu vollständige Dokumentation des Entwicklungs-
bzw. Fertigungsprozesses, alles Dinge, die für ein erfolgreiches Bestehen eines
Unternehmens ohnehin notwendig sind. Von Auskünften oder Verpflichtungen, die
Kunden und Partner verlangen einmal ganz zu schweigen.
K: Dokumentation, das klingt nach viel Papier und Formalismen ...
A: Ganz ohne Papier geht es leider nicht. Schon deshalb nicht weil in
kreativen Prozessen vieles über Bilder und Diagramme läuft. Aber das ist ganz
von den beteiligten Menschen abhängig!
Im Vordergrund steht das Gespräch und die Kommunikation. Ich sage, so wie
ich heute meine Arbeit verstehe, dass alles das bildlich, schriftlich,...
festgehalten werden muss, was die menschliche Arbeit unterstützt – nicht
mehr, aber auch nicht weniger.
Systemanalyse und Wissensmanagement
K: Heute wird viel über die Notwendigkeit des Aufbaues von
innerbetrieblichen „Wissensmanagementsystemen" gesprochen. Hilft dabei
auch die Systemanalyse?
A: Ich möchte an dieser Stelle bewusst nicht auf das Thema „Glaube und
Irrglaube" im Zusammenhang mit Wissensmanagementsystemen eingehen.
Abgesehen davon, dass ich meine, dass Wissen nicht „gemanagt"
werden kann!
Eines möchte ich aus meiner Erfahrung jedoch sagen: Durch den intensiven
Gruppenkommunikationsprozess, eine unbedingte Voraussetzung für die
Durchführung von systemanalytisch begleiteten Prozessen, wird
Information an andere Menschen weitergegeben. Es werden Zusammenhänge
hergestellt, erläutert, erklärt und .... es findet gemeinsames Lernen statt.
Durch die den Prozess begleitende Dokumentation werden viele Informationen
und Zusammenhänge festgehalten, schriftlich oder in Bildern und Diagrammen;
diese stehen natürlich auch noch nach Monaten oder Jahren für eine
systematische Suche und Auswertung zur Verfügung. Auch für jene die in diesem
speziellen Projekt nicht persönlich dabei waren.
Dies sind natürlich Informationen, die als Bestandteil eines
Informationsmanagementsystems (Information ist meiner Ansicht nach sehr wohl „managebar")
wirken können. Bedeutsam für meine Projekte ist, dass keine zusätzliche Hard-
und Software für die Ablage der Informationen notwendig ist. (Ich gehe bei
dieser Aussage davon aus, dass im Unternehmen zumindest 1 PC mit einem minimalen
Office-Paket verfügbar ist!)
Schluss
K: Danke für heute; manches ist mir jetzt klarer. Wo erreicht man Dich, Du
bist ja viel bei Deinen Klienten draußen?
A: Meine Telephonnummer und Email-Adresse ist mittlerweile doch bekannt. Es
stimmt, ich arbeite im Regelfall mit den Klienten, den Menschen in deren
gewohnter Umgebung. Mehr als 30% meiner Zeit verwende ich für persönliche
Weiterbildung im In- und Ausland sowie zu eigenen Entwicklungsarbeiten zur
Methodik und Systematik.
Meine Klienten haben das Recht auf qualitativ hochwertige Dienstleistung;
meist wenden sie sich deswegen an mich, weil sie in unserer hektischen Zeit nach
jemanden suchen, der noch „in Ruhe" die Zeit zur Verfügung hat,
methodisch und fachlich qualifiziert, wenig vorbelastet vom firmeninternen
Umfeld, systematisch an Problemstellungen heranzugehen.
Post Skriptum
Einer meiner Klienten, technischer Geschäftsführer eines mittelständischen
Unternehmens, beschrieb die Wirkung meiner Arbeit in einer Art, die ich Ihnen
nicht vorenthalten möchte.
Natürlich könnte ich auf Basis meiner Kenntnisse, mein langjähriges
Know-how über die Anwendung und den Aufbau unserer Produkte, bei jedem Projekt
das Gesamtsystem analysieren. Ich könnte mich hinsetzen und wäre in einigen
Tagen damit fertig.
Eines würde ich jedoch niemals schaffen: Die gesamte Gruppe als solche und
alle dynamisch-kreativen Effekte so wirksam werden zu lassen, so zu bündeln,
wie bei unserem ersten extern begleiteten Projekt.
Würde ich das selbst versuchen, meine Mitarbeiter würden nur den Chef in
mir sehen und viele Dinge gar nicht ansprechen; damit bliebe vieles
verschüttet, was jedoch dringend für den Fortbestand und die Weiterentwicklung
unseres Unternehmens nötig ist.